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Full text of "Das schwarze Revier [microform]"

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Beplin — Wilmersdorf 



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Einfahrt 

Das eichne Tor, mit Stacheln schroff bezackt, 
fährt widerwiUig aus den Eisenkappen. 
Schwer über schwarze Pflastersteine klappen 
viel Nägelschuhe mörderischen Takt. 

Wie eine aufgescheuchte Herde drängt 
der Trupp sich in das Fröstellicht der Lampen 
und stolpert schläfrig über rundgewölbte Rampen, 
bis ihn der Dunst der Halle schwül empfängt. 

Der Steiger prüft die aufmarschierte Fracht 
und liest mechanisch und kommandolaut 
die aufnotierten Namen aus der Liste. 

Dann knirscht der Dampfstrom über die Gerüste, 
und, zehn zu zehn in Käfige verstaut, 
schnellt sie das Seil hinunter in den Schacht. 






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Mittagschwüle 

Kreisrunder Spiegel ist der Turmuhr Zifferfläche, 
darinnen schattendünn der schwarze Zeiger steht. 
Die Schieferdächer flimmern, und kein Wind verweht , 

das schwere Rauchgewölbe über der Kohlenzeche. , 

Und ein geheimnisvoller Bann hält alle Dinge 

in einer Luft, die weiss ist, düflelos und weit, 

wie Perlen auf gespannter Silberschnur gereiht, 

dass kaum ein Baum sich regt noch eines Vogels Schwinge. 

Wie schwer und schmerzlich ist es doch das Haupt zu heben! 
Worte fallen stumpf zurück wie in ein offnes Tor, 
und dunkel, wie aus einer Muschel, summt das Leben. 

Die Spinnen aber spannen flink die seltsam feinen 
Gezwirne übern Weg. Ein Hahn schreckt jäh empor, 
und ein paar kleine Kinder weinen, weinen . . . 



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Im Dämmer 

Im schwarzen Spiegel der Kanäle zuckt 

die bunte Lichterkette der Fabriken. 

Die niedren Strassen sind bis zum Ersticken 

mit Rauch geschwängert, den ein Windstoss niederduckt. 

Ein Menschen trupp, vom Frondienst abgehärmt, 
schwankt schweigsam durch die ärmlichen Kabinen, 
indessen sich in den verqualmten Kantinen 
die tolle Jugend fuselselig lärmt. 

Noch einmal wirft der Drahtseilzug mit Kreischen 
den Schlackenschutt hinunter in die flachen 
Gelände, drin der Schwefelsumpf erlischt. 

Fern aber ragen schon vom Dampf umzischt 

des Walzwerks zwiegespaltne Feuerrachen 

und harren des Winks, den Himmel zu zerfleischen. 



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Arbeiterkolonie 

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Wie eine Insel ganz nahe der Küste 
schwimmt die kleine Kolonie. 
Hart an der äussren Peripherie 
dröhn dunkel die Schachtgerüste. 

Schmale Strassen blinken silbermetallen, 
und die Häuser, hölzern und kälkübergraut, 
sind alle nach einem Plan gebaut 
und aneinandergereiht wie Korallen. 

Wie etwas Weithergeschwemmtes ruht 
der Gartenklecks vor den Fensterfronten 
) mit den Rosen, den blass versonnten. 

Und wie ein Reicher, der viele Vermögen vertut, 

reissen die dünnen Fontänen 

das arme Wasser in tausend Strähnen. 



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Früh sonntags kreischt in den Lauben 
die Säge durch morsches Holz. 
Kleine Mädchen gehn weiss und stolz, 
und die Söhne füttern die Tauben. 

In den gesäuberten Stuben beten 

die Mütter den Rosenkranz, 

und die Väter, ledig des schwarzen Gewands, 

lungern vor den Staketen; 

ihr Pfeifchen dampft 

und der Atemzüge Gebrau. 

Und irgend ein Städter stampft 

mit Kindern und Frau 

weit durch die hagren Alleen, 

den Frühling zu sehen. 









Der Hauer 

Die breite Brust schweratmend hingestemmt, 
so führt er Schlag für Schlag die Eisenpflöcke 
in das Gestein, bis aus dem Sprung der Blöcke 
Staub sprudelt und den Kriechgang überschwemmt. 

Im schwanken Flackerblitz des Grubenlichts 
blänkert der nackte Körper wie metallen; 
Seh weis stropfen stürzen, perlenrund im Fallen, 
aus den weitoffnen Poren des Gesichts. 

Der Hauer summt ein dummes Lied zum Takt 
des Hammers und zum Spiel der spitzen Eisen 
und stockt nur, wie von jähem Schreck gepackt, 

wenn hinten weit im abgeteuften Stollen 
Sprengschüsse dumpf wie Donnerschläge rollen, 
und stockt und lässt die Lampe dreimal kreisen. ' 






Der Kohlenbaron 

Durch die schmale schnurgerade Strassenzeile, 
wo ein schales Blau an Häuserspitzen Hiebt 
und das Harrende und aufgerissene Geile 
flacher Neugier straffgespannte Bänder webt, t 

durch das Abgestumpfte vieler Mördermienen: 
schiebt er sein Gesicht, das Würde kühl umprallt. 
Und wie Donnern schwillt aus schnellbefahrnen Schielen, 
wirbelt aus der überwältigten Gewalt 

der längs Hingescharten ein Hosiannahsturm. 
Und die Pose seines Blicks bejohlt die Krämpfe 
und zerstört des Aufruhrs Babelturm. 

Und die vielen Härten um sein hochgezognes Kinn 
kräuseln sich und flattern blau wie Weihrauchdämpfe 
über der Zerknirschten Büssersinn. 












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Der Agitator 

Kopf drängt zu Kopf: Mondphasen blass auf Backsteinfliesen. 
In allen Zügen lauert die Verbissenheit wie Mord. 
Ein schmalbestirnter buschig Fremder hat das erste Wort 
und stellt den Arm wie eine Davidsschleuder gegen Riesen. 

Doch seine Stimme: zartes Vorspiel wie aus Orgelpfeifen, 
prüft erst die Inbrunst der Versammelten im Saal. 
Dann donnern Wortlawinen wie ein lutherscher Choral 
den Berg hinunter, die Erregtheit völlig zu versteifen. 

Und dieser Schauer, den nichts bändigt und nichts henmit, 

verheert die straffgespannte Abwehr der Gesichter, 

bis ein Verbluten Hirn an Hirn wie Wahnsinn überschwemmt. 

Und schrill im Streikgelüste, wutentfacht, 

verzischt der Krampf der Bogenlichter 

und stösst den Aufruhr dreimal glutend in die Nacht. 



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Streikbrecher 

Der Trupp weithergereister Frongestalten 
schwankt durch das Dorf wie eine Trauerprozession. 
Die Ausgesperrten trommeln Rebellion 
mit Fäusten, schwieligen und wutgeballten. 

Ein Blöder, der am Wegrand müssig lungert, 
stösst seine Zunge giftig aus dem Mund 
und stürzt sich auf die Fremden wie ein Hund, 
der gierig nach gestrafften Waden hungert. 

Flugschauer hageln aus halboffnen Türen — 

Doch die Sergeanten, die den Zug in die Gewerke führen, 

reissen die Säbel abwehrhoch empor. 

Aufgähnt das dampfumschnaubte Grubentor, 

und zwei zu zwein, wie Schafe an gestrafften Stricken, 

entschwinden sie den gieren Raubtierblicken. 



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Kleine Katastrophe 



Zwölf Männer wurden vom Gestein erschlagen 1 
Zwölf Tote hat die Erde ausgespien; 
der Steiger hat's bewegt hinausgeschrien 
und Hess die Leichen in das Schauhaus tragen. 

Zerstückt und schwarz verbrannt und rotzerschunden, 
so lagen sie in Reih und Glied; 
wer in der Früh noch sang sein Morgenlied, 
verblutete aus unverbundnen Wunden. 

Da schwätzten sich des Aufruhrs blinde Boten 
ins Dorf hinunter und von Haus zu Haus 
und trieben die erschrocknen Fraun hinaus; 

die stürmten das vergitterte Portal 

des Beingebäudes in verbissner Qual 

und schlugen sich verzweifelt um die Toten. 






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Die Eingeschneiten 

Die weissverschneiten Hügelkuppen schliessen 
den Silberring um schmale Wiesenflächen, 
wo trägen Laufs in halbversiegten Bächen 
die Laugen schmutziger Fabriken fliessen. 

Die Stadt hockt aufgerollt wie eine Natter 
und blinzelt meuchlings durch den trüben Dunst; 
da drehn sich Menschen in verwegner Kunst 
wie Vögel vor verschlossnem Käfiggatter. 

Und alle Schorne auf den Dächerzinnen 
zerstechen blind den Horizont und spinnen 
des Rauchs verdünnte Fäden Zug für Zug, 

bis aus der Häuser hölzernem Betrug, 

dem fremde Winde alle Glut entpressen, 

ein Singsang tönt, wie Toten zugemeinte Messen. 



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Die Hingesunkenen 

Da nun ein breiter Silberstrom von Sternen 
beruhigend sich in die Nacht ergiesst 
und der vermummte Wächter der Kavernen 
die schweren Gittertore fest verschliesst, 

gehn die Geräusche wie ein Wind iih Fernen, 
und alle Räder -Stehn wie aufgespiesst; 
kaum dass noch aus den unterirdischen Zisternen 
das Wasser sprudelnd in die Becken schiesst. 

Nachtnebel löscht die bunte Lampenlüge. 
Verdrossen stehn die dunklen Strassenzüge 
und gähnen wie ein au^erissner Schlund. 

Und all die süss Geschwächten in den Betten 
eratmen schon ein Traumgefühl und ketten 
des Blutes Unruh von geliebtem Mund. 









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Die Ahnungslosen 



Blassblonde Kinder, oh ihr Schlanken, Frühherangereiflen, 
noch lebt in euch ein Glück, so blauscheinselig klar, 
wie euer Eltern Traumbeschwörung in der Mainacht war, 
da sie die Sklavenketten von den Knöcheln streiflea. 

Und eurem Indianerspiele auf den Schlackenplätzen, 
darunter schwarze Löcher sind, wo Väter angestrengt 
die Brechgeräle schwingen, sind noch garnicht beigemengt 
des Sorgens Gifte, die die Stirnen der Erwachsnen rissig ätzen. 

Ihr wähnt im Blau noch, das Fabriken nadelspitz zerstechen, 
mit Blitzableitern über Schornen, Schacht an Schacht, 
Jebova, den man in den Schulen bärtig macht 
und fühlt ihm euch verwandt und nahe im Gebetesprechen. 

Wer aber weiss was von dem Seufzenden am Nachtmahltische, 
der kaum das wirre Haar euch streichelnd, schon verstummt 
in Schlafentrücktheit, die sein Angesicht so fest ver^nummt, 
dass nur der Mund aufsteht im schnarchenden Gezische. 

Ihr lasst ihn ruhn und ritzt vielleicht in Schieferflächen 

karikaturenhaft sein fronzerschlagnes Konterfei 

und zeigt den Schwestern lächelnd diese Narretei, 

bis euch die Mutter zwingt, dies Lächeln abzuschwächen. 



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Wohl schreckt ihr auf aus den entlegnen Morgenträumen, 
wenn das verfluchte Räderwerk der Weckuhr schnarrt 
und unterm Stampfen festen Schritts die Diele knarrt ... 
Und dennoch fühlt ihr nicht das Kettenklirren in den Räumen. 

Doch den ihr wie durch Nebel seht amFrühstückstisch hantieren, 

und der das Mühn der Mutter hinnimmt unbelohnt, 

ist euren aufgerissnen Augen zu gewohnt, 

als dass sie sich in des Betrachtens Quälerei verlieren. 

Erst wenn das harte Schurzfell sich um eure eignen Lenden 
begierig bauscht, wird Unverstandnes so erschütternd klar, 
dass eure Jugend niedertränt auf das gebleichte Haar 
des Vaters, wie um Grauenvolles abzuwenden. 



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fe#^yS## Verlag A, R. Meyer, Berüp-^taÄs^jjQrf V* 




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ISCHE FLÜ&BlÄEER 






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Else Lasker-Schüler, Hebräische Balladen / .^ . .'.»-:- . -' 

Die eigenartigste und herrlichste Dichterin deutscher Gegetiwärt. Bühnenroland. j 

Alfred Lichtenstein (Wilmersdorf), Dte Dämmerung . i 

Cr kann so schön den wirklichen Blödsinn des Lebens dichten. ^ 

Die Bächerei Jäaiandros* \ ] 

F.-T. Marinetti, Futuristische Dichtungen ] 

Marinetti produziiert einen Heroismus der Haltung, der in seiner verbissenen, un- ! 

beeinflassbaren Monumentalität Schillers Schatten beschwört Rudolf Kartz. " ! 

Victor Hadwiger -1-, Wenn unter uns ein Wandrer ist 

In V. Hadwiger hat die neuromantische Bewegung (oder besser: Beharrung) ihre i 

typischste Erscheinung gehabt Die Nene Rundschau. 

Frank Wedekind, Felix und Galathea - ' \ 

Eine hochinteressante Verölfentlichung von Jugendgedichten aus dem Jahre 1881, ■■} 

die in einer rührenden und formvollendeten Sprache das dämonische Genie Wede- 
kinds in seiner Pubertät zeigen. Hans v. Webers ^wiebe^isch**. .j 

Paul Zech, August Vetter, L. Fahrenkrog, Chr. Gruenewald-Bonn, Das 1 

frühe Geläut 

ä0.30Mk. 
Paul Paquita, Entelechieen Hans Carossa, Stella mystica 

Robert R. Schmidt, Frauen Maximilian Brantl, Von einer Toten 

Heinrich Lautensack, Das Schlaf- Edmund Harst, Lieder der Liebe 

Zimmer Ernst Bartels f, Gedichte 

L^on Deubel, Ailleurs Leo Sternberg, Kleine Balladen 

Toni Schwabe, Verse Waldemar Bonseis, Rote Nacht 

Paul Zech, Waldpastelle Hans Brandenburg, Lieder eines 

Sophie Hoechstetter, Sonette Knaben 

Heinrich Lautensack, Jud und C/in's/ Chr. Gruenewald-Bonn, Frühe Ernte 

Heinrich Lautensack, Gedichte 

Vergriffen: 
Alfred Richard Meyer, Nasciturus 

derselbe Ahrenshooper Abende 

Gottfried Benn, Morgue u. a. Gedichte 

Die erste bis vierte Auflage dieses Flugblattes druckte Januar 1913 die Druckerei 
fOr Bibliophilen, Berlin 034 / Das Titelblatt zeichnete Ludwig Meidner 



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